Archiv der Kategorie: Artarium

Nachwurf auf Stefan Weber

Artarium am Sonntag, 17. Juni um 17:06 Uhr – Der große Vorsitzende von Drahdiwaberl, der “exzessivsten Band Österreichs”, ist nunmehr auch von uns gegangen. Wir werfen ihm daher, ganz in seinem Sinn, ein paar Reminiszenzen und, ja, natürlich, Fleischbatzerln hinterher. Mit Stefan Weber, der diese Musikkapelle seit dem Jahr 1969, zuletzt sogar trotz seiner schweren Parkinson-Erkrankung, als ein sich immer wieder neu erfindendes Aktionskunstprojekt betrieb, verliert die heimische Kunstszene einen ihrer besten Referenzwerte für kritisch-abgründiges Hinterfragen, nämlich all dessen, was hierzulande “allgemein anerkannt” ist – und somit “normal” und “üblich” sei. So zum Beispiel der “gute Geschmack” oder das “gesunde Volksempfinden”, wie es der Boulevard bis zum Erbrechen zelebriert.

Nachwurf GummibeidlMa konn den Parki überlisten,
oba leida ned total ausmisten.
Ma konn den Parki ignoriern,
ma wird eam trotzdem imma spürn,
genauso wie die Midlife-Krise,
sich nix scheißen is mei Devise.

I wü liaba a Dauererektion,
i scheiß auf den Parkinson.
(The show must go on)

Geh weg, Parki!
Geh scheißn, Parki!
*zähnefletschknurr*

Diese Zeilen aus dem Parkinson-Blues (vom Drahdiwaberl-Album Sitzpinkler 2004) haben mich damals schwer beeindruckt – und sind eins von vielen Zeugnissen, wie radikal ernst es ihrem Autor mit seiner aktionistischen Selbstinszenierung immer war. Und dafür, Nachwurf 1, ist ihm unsere Bewunderung auch über den Tod hinaus sicher. In der legendären ORF-Sendung “Phettbergs Nette Leit Show”, über die wir das Portrait “Die Krücke als Zepter” gestaltet haben, ragte Stefan Weber als Gastnaturgemäß ebenfalls heraus. Dieses übermenschelnde Künstlergespräch spielen wir, quasi als Nachwurf 2, in seiner vollsten Länge – und Schönheit. Und zum dritten Nachwurf gereicht uns eine der wenigen Drahdiwaberl-Nummern, die auch von der Konserve gespielt den Live-Exzess der Truppe rüberbringt: Die Nazioper von 1994.

Reminiszenzen gibt es hinsichtlich einer eigenen Performance-Oper (“White Noise – Mark will leben” 2007 in der ARGEkultur, zusammen mit Markus Janka, Daniel Toporis und Mea Schönberg). TheaterblutGummibeidlOnanieren, da sind durchaus einige Parallelen erkennbar. Oder bezüglich der Musik, die Stefan Weber Zeit seines Lebens inspiriert hat: derjenigen von Frank ZappaGanz abgesehen von den zahlreichen Künstlern und Musikern (und * und -innen), denen der Drahdiwaberl wiederum selbst zur Inspiration wurde, das eine oder andere davon werden wir auch auspacken

Warum diese Sendung überhaupt anhören? – Weil ich es kannHahahahaha!

PS. Wir empfehlen zudem heftigst diese schöne Aufnahme: “Stefan Weber und Walter Gröbchen” (Stream aus dem CBA-Archiv) von aufdraht: vagabundenradioLesung/Liveperformance/Künstlergespräch aus dem Wiener Rathaus 2007 oder die Lehrer-Schüler-Begegnung der etwas anderen Art.

Advertisements

Owie lacht (Bilgeri & Köhlmeier)

Artarium am Sonntag, 10. Juni, wegen Überlänge sogar schon um 17:00 Uhr – Dies ist ein beinhartes Nostalgieprogramm. Allerdings richtet sich die Musik nicht gegen eine bestimmte Gruppe, sondern gegen Jederman, der sich betroffen fühlt – auch gegen mich selbstOwie lacht da ein jegliches, das die frühen Austropop-Hymnen der 70er Jahre noch selbst aus dem Radio gedudelt bekam. Etwa “Sein Köpferl im Sand” von Arik Brauer, dessen Vorspann ich hier eingangs verbrach. Oder die “inoffizielle Landeshymne” der beiden, vor über 40 Jahren auch mal im Duett als “Ray & Mick” auftretenden Hervorbringer des Albums “Owie lacht”, der unumstritten allererste alemannische Mundart-Ohrwurm “Oho Vorarlberg” von Michael Köhlmeier und Reinhold Bilgeri. Und wie verschieden sie dann sind…

owie lachtNachdem wir bereits in der Sendung “Die Köhlmeier Rede” auf Herkunft und Frühwerk des Schriftstellersverwiesen haben, um seine heutige Position in der medialen Erregung zu beleuchten (mit “March Movie”, dem legendären ORF-Hörspiel von 1983), reisen wir diesmal noch um ein weiteres Jahrzehnt zurück – in die Zeit seiner text-musikalischen Anfänge und fürwahr humoresken Mundart-Experimente. Als Beispiel für die interpretative Ergiebigkeitseiner damaligen Ergüsse sei hier der Zwischenspieljodler aus dem erwähnten Vorarlberglied angeführt (und genau so steht der Text im CD-Booklet):

Holleraggi, Dolleraggi, Ahiazolleraggi…
Roll roll roll Rolladen, Zwirnsfaden, Leberbraten usw…

Das sollte uns doch zu denken geben! Ganze Doktorarbeiten der Germanistik ließen sich daraus schnitzen, ja sogar Lehrstühle auf Lebenszeit – also, wenn man sich da mal Walther von der Vogelweide anhört?

Doch Scherz beiseite, hier noch ein paar Fußnoten fürs geneigte Sammelalbum unseres Publikums: Der auf Owie lacht enthaltene Song “Sus wär i sealbr dra” erinnert in seiner ganzen Aufmachung stark an “Ballad of a Thin Man” von Bob Dylan, wovon inzwischen auch eine schräge Coverversion von Laibach existiert. Michael Köhlmeiers sehr spezielles Verhältnis zu Urheberschaft und Inspiration verdichtet sich schön im Titel seines Albums “12 Lieder nach Motiven von Hank Williams” aus dem Jahr 2008. Und seine Vorliebe fürs Vervorarlbergisieren von internationalen Popmotiven ist ihm nach wie vor ungebrochene Leidenschaft, wofür diese Version von Lou Reeds “Walk on the Wild Side” als Beweis genügt.

Das Problem ist, mit der Arbeit fertig zu werden…

 

105 Jahre Marko Feingold

Artarium am Sonntag, 27. Mai um 17:06 Uhr – Zum bevorstehenden Geburtstag des ältesten KZ-Überlebenden und jahrzehntelang nimmermüden Zeitzeugen erinnern wir an unsere gemeinsamen Projekte – und denken darüber nach, wie Geschichte auch in zukünftigen Generationen lebendig bleiben kann. Marko Feingold hat dies immer durch engagiertes Erzählen in der Begegnung mit jungen Menschen ermöglicht. Doch wie lassen sich die persönlichen Erfahrungen seiner Generation weiterhin vermitteln, wenn ihre letzten noch lebenden Vertreter nicht mehr selbst dafür einstehen können? Dabei haben wir das beim heurigen “Tag gegen Gewalt und Rassismus” am 4. Mai vorgestellte Jugendprojekt “Dialog des Erinnerns” der KZ-Gedenkstätte Mauthausen entdeckt, das uns auch als Geburtstagsgruß an Marko Feingold geeignet erscheint.

100xniewieder für marko feingold peter haasUnter dem Motto “Geschichten brauchen Stimmen” haben sich einige junge Menschen mit den Lebensgeschichten von im KZ Mauthausen zu Tode gebrachten Menschen beschäftigt und daraus jeweils eigene Gegenwartstexte erarbeitet. Diesem Projekt gelingt es, längst verstummte Stimmen aus den Todeslisten mit viel Mut und Mitgefühl wieder ein gutes Stück ins Leben zu schreiben”. Vor allem die phantastische Elodie Arpa, zuletzt Gewinnerin beim mehrsprachigen Redewettbewerb “Sag es MULTI”, hat uns mit ihrer Bearbeitung der Biographie von Peter van Pels tief berührt – und überzeugt – weshalb wir diese Darbietung für die heutige Sendung ausgewählt haben. Die darin vorgestellte reale Person, welche am 10. Mai 1945 in Mauthausen verstarb, ist genau jener “Peter van Daan”, der auch im Tagebuch der Anne Frank beschrieben wird. Diese zusätzliche Verbindung lässt Elodie Arpa auf geradezu magische Weise in ihren Text über “den heutigen Peter” einfließen, ein emotional ansprechender und rundherum mutmachender Beitrag!

100xniewieder für marko feingold norbert k hundNun freuen wir uns naturgemäß besonders, wenn gerade so eine hochoffizielle Einrichtung wie die KZ-Gedenkstätte Mauthausen bei der jugendgerechten Vermittlung von Zeitgeschichte nach neuen Ausdrucksformen strebt. Auch wir haben auf diesem Gebiet schon so manches bewirkt. Die Radiofabrik im allgemeinen mit ihrem Projekt “Hörstolpersteine” und den damit verbundenen Schulworkshops. Die Artarium-Redaktion wiederum im speziellen mit dem Marko Feingold Projekt 2013, aus dem ein zweistündiges Radiofeature hervorging. Zudem wurde eine Begehung des Jüdischen Friedhofs und ein Besuch der Salzburger Synagoge dokumentiert, jeweils gemeinsam mit Marko Feingold, der dabei interessierten jungen Menschen vom jüdischen Leben in Salzburg und vom Überleben in den Konzentrationslagern erichtet. Eine Intention des Projekts war, zumidest etwas von seinem umfänglichen Wissen “für die Nachwelt zu erhalten”, und zwar in einem Live-Setting, das seinen ungebrochenen Humor und seine Schlagfertigkeit für alle Zeiten erlebbar macht.

Sodann haben wir uns auch noch an Bernhard Jennys Performance/Buchprojekt “100x NIEWIEDER für Marko Feingold” beteiligt. Der Textbeitrag dazu von Norbert K.Hund steht jetzt da, stellvertretend für alles, was noch gedacht werden kann:

Als ich 1966 in Salzburg in den Kindergarten kam, zeichnete ich unter dem Einfluss vieler neuer Eindrücke ein Bild. In der Mitte befand sich ein Fleischwolf, in dessen Trichter wir Kinder von oben hinein geschlürft wurden. Unten kamen auf drei Förderbändern Dosen mit Fleisch, Flaschen mit Blut und Pakete mit Knochen heraus, welche sogleich auf Lastwagen verladen und anschließend ausgeliefert wurden. Zuhause erklärte ich meiner Mutter voller Stolz diese Zeichnung und sagte: „Das ist die Menschenvernichtungsmaschine.“ Sie nahm das Bild wortlos an sich und räumte es in einen Kasten. Auch auf späteres Nachfragen hin hat sie nie wieder etwas darüber gesagt. Ein schreckliches Schweigen.

Wenn wir heute darüber nachdenken, wie wir kommende Generationen erziehen, wie wir sie insbesonders gegen Gewalt und Grausamkeit schutzimpfen können, dann müssen wir uns ein Beispiel an Menschen wie Marko Feingold nehmen. Denn nur wer den Mut hat, auch von seinen abgründigsten Gefühlen wie Angst oder Schmerz freimütig zu erzählen, der vermag in jungen Menschen deren ohnehin bereits vorhandenes Mitgefühl anzuregen – und zu bestärken! Gerade ein solches Einfühlungsvermögen – ohne Abspaltung von „negativen“ Emotionen – wird es dringend brauchen, wenn wir nicht neuen menschenverachtenden Ideologien auf den Leim gehen sollen. Also, nie wieder Schweigen – auch über das Schreckliche.

Die Köhlmeier Rede

Artarium am Sonntag, 20. Mai um 17:06 Uhr – Michael Köhlmeier hat also eine Rede gehalten. Und zwar anlässlich des “Tags gegen Gewalt und Rassismus”, einer vom österreichischen Nationalrat alljährlich abgehaltenen Gedenkfeier, die sich auf die Befreiung des KZ Mauthausen am 5. Mai 1945 bezieht. Und in dieser Rede hat der Schriftsteller, wie es seit Jahrzehnten seine Art ist, das Entstehen von Gewalt – durch die Beobachtung von oft unbeachteten Details – dargestellt. Dass er dabei aber nicht in der Vergangenheit verblieb, sondern einzelne Zitate von aktuell regierenden Politikern aufgriff, das wird ihm seither (vor allem von denselben) heftig vorgeworfen. Multimedial überschlägt sich “die Öffentlichkeit” mitsamt Armin Wolf und es wird vor lauter Pro und Contra immer schwieriger, das Eigentliche zu fassen.

michael köhlmeier im kontrastWer die Stationen dieser Erregung hier noch einmal zusammengefasst nachvollziehen mag, kann sich den Artikel von Kontrast.at zu Gemüte führen (Foto von Johannes Zinner© Parlamentsdirektion). Ich habe die Nutzungsbedingungen verstanden und akzeptiert etcetera blabla. Aber eigentlich wollte ich doch auf etwas viel Wesentlicheres verweisen, auf jenes Entstehen von Ausgrenzung und Gewalt, wie es Michael Köhlmeier schon immer beobachtet und aufgezeigt hat: In seinem vor 35 Jahren entstandenen Hörspiel “March Movie” (runterscrollen, bis der Titel in Rot erscheint, dort gibts dann die Inhaltsangabe und auch einen Stream) deckt ein engagierter Eisenbahner nach Jahren das spurlose Verschwinden einer ganzen Blaskapelle auf. Doch anstatt, dass ihm dafür etwa gedankt würde, geht die gesamte Gesellschaft, die das Verschwundensein all dieser Menschen nicht wahrhaben will, brutal gegen ihn vor, stellt seine geistige Gesundheit in Frage und macht ihn so zum Außenseiter. Völker, hört die Parallelen! Und jetzt gehen die Mehrheitsnormalen auf Köhlmeier selbst los, weil er ihnen unangenehme Zusammenhänge ausspricht. Es erinnert geradezu grotesk an Thomas Bernhard und den Staatspreis-Skandal 1968.

Die “Brüskierten” entlarven sich selbst – durch ihre jeweiligen Reaktionen. Es gibt im Grunde eh nur zwei Arten von Menschen: Die, die von ihren eigenen Empfindungen ausgehen und so zu einer Anschauung der Welt gelangen. Und die, deren Programm eine vorgefertigte Weltanschauung ist und die daher auf alles und jedes nur ein und dieselbe Antwort geben (wenn auch immer wieder leicht variiert). In unserem Fall eben AusländerflutBalkanrouteSozialschmarotzer. Ist das nicht gefickt eingeschädelt?

Ein Album zum Muttertag

Artarium am Sonntag, 13. Mai um 17:06 Uhr – Der Muttertag ist allgemein eine höchst ambivalente Angelegenheit. Ebenso wie das Verhältnis zwischen Müttern und ihren Kindern von der Gleichzeitigkeit gegensätzlicher Erfahrungen geprägt wird. Am Anfang war die Geburt, und allein dieser Beginn unseres eigenen Lebens kann schon lebensgefährlich sein. Von da an findet jegliche Entwicklung zwischen krassen Gegensatzpaaren wie Festhalten und LoslassenResonanz und AbgrundSelbstbehauptung und Verbundenheit statt (um hier nur einige davon anzudeuten). Die Seelenbühne unseres Entstehens ist meist Heimat und Schlachtfeld zugleich. Inwieweit der herkömmliche Muttertag zur rituellen Bearbeitung dieser Ambivalenztaugt, darf bezweifelt werden. Margit Schreiner empfiehlt eher seine Abschaffung.

Kuh zum MuttertagEs ist wohl auch kein Zufall, dass der Film Muttertag (Die härtere Komödie) von Harald Sicheritz inzwischen zur Kultdarstellungdesselben geworden ist. Sobald Widersprüchliches im Spiel ist, sind (speziell in Österreich) die Humorist_innen dafür zuständig. Also, was spielen wir in dieser Sendung – und warum die Kuh? Naturgemäß wollen auch wir die Mehrschneidigkeit des gegebenen Anlasses abbilden und greifen daher tief in den Fundus der emotionalen Assoziationen. Zum einen mit einem Klavierkonzert von Philip Glass, dem Tirol Concerto in 3 Movements, welches die Tirol-Werbung im Jahr 2000 in Auftrag gab – und später in einem Naturfilm-Soundtrack verbraten hat. (Da ist sie, die glückliche Kuh!) Das knapp halbstündige Instrumentalwerk für Klavier und Streichorchester ist eine meiner Lieblingsmusiken beim Schreiben, weil es sich gleichzeitig nicht aufdrängt und doch Energie von innen heraus freisetzt. Und zum anderen mit einer Lesung von Elias Hirschl aus seinem Roman “Hundert schwarze Nähmaschinen”, in dem er eigene Erlebnisse als Zivildiener in einem Wohnprojekt für psychisch kranke Menschen wiedergibt, diesfalls aus Kapitel 5 (Frau Brandner).

Es ist fürwahr nicht einfach, inmitten von unmittelbarem Betroffensein und ironischer Distanz (auch zu sich selbst) die Balance zwischen Faszination und Verzweiflung zu wahren, handelt es sich dabei doch um einen Ritt auf des Rasiermessers Schneide. Oder eben um einen Tanz zwischen Nähe und Distanz, wie er ja jegliche Beziehung in all ihrer Ambivalenz charakterisiert. Elias Hirschl schafft diesen Spagat sogar sehr sympathisch, wie unser Mitschnitt von den Kritischen Literaturtagen 2017 beweist.

Eine ähnlich gelungene Verbearbeitung von psychiatrischen Zivi-Erlebnissen bietet auch noch Rainald Grebe – Gilead (Gottseidank, ich bin entmündigt, Fotzefotzefotze)

Alles Liebe zum Muttertag oder Ich scheiße goldene Atomeier!

Thomas Bernhard Sprachlandschaften

Artarium am Sonntag, 29. April um 17:00 Uhr – Zur 80sten Niewiederkehr der Salzburger Bücherverbrennung von 1938 (Stichtag ist die Walpurgisnacht) bringen wir heute die SAG-Gruppenlesung “Thomas Bernhard Sprachlandschaften” vom November 2017 zu Gehör. Gründe dafür gibt es mannigfache. So hat die Salzburger Autorengruppe im Jahr 1987 (damals mit Erich Fried gemeinsam) damit begonnen, das Erinnern an diesen geisttötenden Naziaufmarsch dem Vergessen zu entreißen. Auch wir haben dieses Thema immer wieder in Gestalt von Radiosendungen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, so zum 75. Gedenken durch “Stimmen aus dem Massengrab” oder anlässlich der schier ewigwährenden Mahnmal-Zerplanerei durch unser Double-Feature-Projekt “ERINNERN VERGESSEN” vom April 2016.

Thomas Bernhard LandschaftInzwischen ist der hier jahrelang umtriebige Christopher Schmall zum Obmann der SAG gewählt worden – und in dieser Funktion auch für diverse Themenarbeiten mitverantwortlich, wodurch sich Vergangenes und Zukünftiges im Hier und Jetzt wieder begegnen. Das scheint mir auch die Essenz dieser Gruppenlesung zu sein, in der es ja darum geht, einen “toten Dichter” durch die Beschäftigung mit seinem Werk “ins Leben zu schreiben” und so aus dem erstarrten Erinnern an Thomas Bernhard eine fortwährende Zwiesprache herzustellen. Ganz ähnlich hat dies die SAG bereits in der Literaturhaus-Veranstaltung “Salzburg Seelen” (zum Allerseelentag) verwirklicht, in deren Rahmen Christine Haidegger ihre viel zu früh verstorbene Tochter Meta Merz würdigte. Waren hierbei noch alle möglichen “von uns gegangenen” Wortschöpfer_innen Gegenstand der Verbearbeitung, so legten die “Thomas Bernhard Sprachlandschaften” (bei den Kritischen Literaturtagen in der ARGEkultur) den Schwerpunkt ausschließlich auf den prominenten Namensgeber und “wie verschieden sie dann sind“. Denn all die mit-schreibenden und -lesenden Autor_innen bezogen sich in ihrer jeweils eigene Art und Weise auf denselben…

Dichter_innen sind nun einmal naturgemäß Zeitreisende, in dem Sinn, dass sie nicht nur Zukünftiges ausdenken, sondern auch Vergangenes erzählen können. Und auch das Wort “Geschichte” hat diese zwei Bedeutungsebenen. Ich behaupte somit, dass “die Geschichte” aus lauter “Geschichten” besteht, andernfalls gäbe es sie gar nicht. Womit wir wiederum bei einer wesentlichen Aufgabe jedweder Dichtkunst angelangt sind: beim ErdenkenBewahren und Weitergeben von allem, was warist und sein könnte, also zusammenfassend – beim Geschichte(n)erzählen! Soviel erstmal dazu.

“Ich bin der Vogel, den sein Nest beschmutzt.” Karl Kraus

Hitler? Gott? Somuncu…

Artarium am Sonntag, 22. April um 17:06 Uhr – Endlich gibt es mal wieder ein Theater-Skandälchen, am Stadttheater zu Konstanz immerhin, wo justament zum “Gebortstag des Föhrers” die Farce/Groteske “Mein Kampf” von George Tabori Premiere hat, noch dazu in einer gegenwartsnahen Inszenierung des notorischen Kabarett-Rabauken Serdar Somuncu. Den kennen wir ja seit unserer Sendung “Urheber rechts” als todesmutig aus Hitlers schwindligem Original vortragenden Theaterdonnerer, der sich, vor allem durch seine kritischen Kommentare dazu, sechs Jahre lang mit Alt-Neu- und Möchtegernnazis anlegte. Und nun sollen die Theaterbesucher in Konstanz auch noch Judensterne (wenn sie Eintritt zahlen) oder Hakenkreuz-Armbinden (wenn sie gratis reinkommen) tragen! Ein Skandal, oder?

Serdar Somuncu - Der Adolf in mirIn einer Talkshow des deutschen Fernsehens antwortet Somuncu auf die ewigdämliche Frage: “Was darf Satire?” dann auch folgerichtig mit: “Deine Mutter darf Satire!” Der Mann hat offenbar so seine Geschichte mit der deutschen Verbotskultur. In einem bemerkenswerten ZEIT-Artikel erfahren wir mehr über die Hintergründe: Als der kleine Serdar einst in die erste Volksschulklasse kommen sollte, da wurden sämtliche Kinder mit ausländischen Namen für die Sonderschule ausselektiert. Daraufhin brüllt sein Vater den Schuldirektor an: “Was heißt das? Wir Ausländer nix gut deutsch? Du Arschloch!” – So einen Vater hätten wir wohl alle gern gehabt, als wir mit 6, 7 Jahren zum ersten Mal der grausigen Menschenvernichtungsmaschine namens Abrichtung zur gesellschaftskonformen Anpassung ausgeliefert wurden. (Die “Menschenvernichtungsmaschine”, eine Art Fleischwolf mit Fließbändern zur industriellen Verwurstung von Kindern, zeichnete ich im Alter von etwa 5 Jahren, nachdem ich zum ersten und zum Glück letzten Mal in einem Kindergarten “betreut” worden war. Und ich erachte diesen Eindruck noch heute als absolut zutreffend.) Doch neben prägenden Erlebnissen aus der frühesten Kindheit beleuchtet das ZEIT-Portrait auch die weitere künstlerische Entwicklung:

Denn das Spiel mit dem Indifferenten, das einem das Lachen schon mal im Hals stecken bleiben lässt, diese Inszenierung der Mehrdeutigkeit, die einen unsicher macht, wo man denn eigentlich von vornherein “dazu gehört”, die hat System und Methode – und ist äußerst wirkungsvoll. Hören wir Serdar Somuncu also einmal im Original, bevor wir seine Version eines “immersiven Theaters” von uns weisen…

Nein, ich liebe euch,
und ich schieß nicht gleich,
warum habt denn ihr
so schrecklich Angst vor mir?
Ich bin Mensch und Christ,
und ein Revolver ist
kein Zeichen von Gewalt,
wenn ich ihn halt.