British Sunday # 8: Q

Spike Milligan wurde in den 1950ern durch die Hörspielreihe Goon Show mit Peter Sellers und Harry Secombe weitreichend bekannt (siehe British Sunday # 4). Ende der 1960er wurde er Nutznieser einer eigenen Show auf der BBC, die über viele Jahre lief und mit jeder Staffel den Namen änderte. So hieß die erste Staffel Q5 (1969), die Zweite Q6 (1975), die Dritte Q7 (1977), die Vierte Q8 (1978), die Fünfte Q9 (1980) und die Sechste There’s a Lot of It About (1982).

Die Q-Reihe war eine komplett alberne Sketchshow mit surrealen Elementen, die verdächtig an den Monty Pythons Flying Circus erinnerte. Tatsächlich handelt es sich dabei um einen verrückten Zufall, denn sowohl Milligan als auch die Pythons hatten unabhängig voneinander in dieselbe Richtung gearbeitet, ohne es zu bemerken. Die erste Folge von Q5 kam nur wenige Monate vor dem Flying Circus heraus und veranlasste die Pythons ihr Konzept noch einmal komplett zu überarbeiten, um sich stärker von Milligan’s Show zu unterscheiden. Auf der anderen Seite gefiel ihnen der anarche Stil seiner Sketche, die oft ohne klare Anfänge und Enden auskamen. Ein Modell das sie wiederum in ihre eigene Show übertrugen. Somit trug Q, wenn auch indirekt, zum heute bekannten Stil der Pythons bei.

Q selbst lief zwar länger und gilt heute als wegweisend für die Entwicklung der Britischen Comedy, konnte mit den Pythons aber nicht mithalten, zumal die BBC auch mehr Zeit und Energie in deren Projekt steckte, da es sich als lukrativer erwies. Milligan trug den Jungs selbst aber nichts nach und hatte später in Life of Brian sogar einen kleinen Cameo-Auftritt.

 

British Sunday # 7: A Bit of Fry & Laurie

Die britische Comedy in den 1970ern war gezeichnet vom internationalen Erfolg der Monty Pythons. Dem entgegen stand die Alternative Comedy-Bewegung der 1980er, die sich vom verkopften Stream of Consciousness-Humor der Collegeboys distanzieren und verstärkt Programm für die moderne Arbeiterklasse machen wollte. Umso überraschender ist das sich in ihren Reihen auch drei Mitglieder der Cambridge Footlights fanden: Die spätere Oscar-Preisträgerin Emma Thompson und das Erfolgsduo Hugh Laurie & Stephen Fry.

Grund dafür dürfte unter anderem der Alternative Comedian und Autor Ben Elton gewesen sein, mit dem die Drei bereits an der Sketchshow Alfresco gearbeitet hatten – ein hoffnungsloser Versuch des Senders ITV an den Erfolg von Not the Nine O’Clock News anzuknüpfen (siehe British Sunday # 6). Elton der später selbst einige Erfolgsprogramme (mit)kreierte verschaffte ihnen darin häufig kleinere oder größere Rollen und brachte sie damit der Szene näher. Dazu gehörte auch die Sitcom The Young Ones (siehe British Sunday #3) deren Co-Kreator Alexei Sayle anscheinend wenig begeistert war und die von ihm mitformulierten Ideale der Alternative Comedy verraten fühlte. Er stand mit seiner Meinung aber relativ alleine da, erwies sich die Footlights-Truppe doch als durchaus aufgeschlossen, selbst nicht ganz unkritisch, aber auch unglaublich sympathisch und unterhaltsam.

Während Emma Thompson dazu übergangen war ihre Karriere als Schauspielerin voranzutreiben, nahmen Fry und Laurie eine Einladung der BBC an, eine eigene Show zu gestalten, in der sich das Beste beider Welten wiederfinden sollte: Der intelligente Humor der Footlights und die kritische Schärfe der Alternative Comedy. Gepaart mit der schelmischen Clownerie von Hugh Laurie und der schlagfertigen Eloquenz von Stephen Fry. Dies waren die Grundvoraussetzungen für die Sketchshow A Bit of Fry & Laurie die von 1989 – 95 auf der BBC lief und auch heute noch zu einer ihrer besten Arbeiten zählt.

British Sunday # 6: Not the Nine O’Clock News

Mel Smith, Pamela Stephenson, Rowan Atkinson und Griff Rhys Jones.

1978 setzte ein Generalstreik die New York Times außer Gefecht, über mehrere Monate hinweg erschienen keine neuen Ausgaben des Blatts. An ihre Stelle trat kurzweilig eine Parodie unter dem Titel Not the New York Times, die rasch Verbreitung in der Bevölkerung und ihren Weg in die Hände des britischen Fernsehproduzenten John Lloyd fand. Sie inspirierte ihn zu einer neuen, rotzfrechen Nachrichtensatire für die Arbeiterklasse: Not the Nine O’Clock News.

Die im Jahr 1979 produzierte Pilotfolge galt als absolutes Desaster. Erwähnenswert ist allerdings das John Cleese darin noch ein letztes Mal als Basil Fawlty auftrat, da die geplante erste Staffel die Sendezeit von Fawlty Towers übernehmen sollte – wozu es natürlich nicht kam. Das Format wurde zu einer Sketchshow überarbeitet und vom anfänglichen Cast blieben lediglich Chris Langham und Rowan Atkinson übrig, die um Pamela Stephenson und Mel Smith ergänzt wurden. Die tatsächliche erste Staffel von Not the Nine O’Clock News wurde zu ihrer Zeit oft als schlecht geschrieben, unwitzig und skandalös kritisiert, manche Aussagen und „Angriffe“ auf Personen des öffentlichen Lebens gingen für viele weit über die Grenzen des schlechten Geschmacks hinaus. Irgendwem in der Chefetage schien das Ganze aber zu gefallen und so wurde eine zweite Staffel in Angriff genommen. Langham wurde durch Griff Rhys-Jones ersetzt, welcher zuvor schon einige kleinere Gastauftritte in der Show hatte. Ab hier war der Sendung deutlich mehr Erfolg beschieden, die Quoten wurden besser, sie gewann einen BAFTA Award und die Silver Rose beim jährlichen Montreux Festival. 

1982, nach vier Staffeln und einer Bühnenshow beendeten die vier Comedians ihre Zusammenarbeit und widmeten sich wieder anderen Dingen: Stephenson ging nach Hollywood, Atkinson arbeitete an seinen Erfolgsserien Blackadder und Mr.Bean, das Duo Smith und Jones an ihrer langjährigen Sketchshow Alas Smith and Jones. Und Lloyd beteiligte sich an einer subversiven Puppenshow namens Spitting Image – dazu ein anderes Mal mehr!

Not the Nine O’Clock News gilt als Wegbereiter der Alternative Comedy im britischen Fernsehen – mit der eigentlichen Bewegung verband sie wenig – und hatte noch großen Einfluss auf die britische Fernsehcomedy der 1980er.

 

British Sunday # 5: The Frost Report

John Cleese, Ronnie Barker und Ronnie Corbett in „Class Sketch“

Eine Dekade vor seinem berühmten Interview mit Richard Nixon arbeitete David Frost als Autor und Moderator für die BBC. Zwischen 1966 und 1967 stand er im Zentrum einer eigenen Show, der Nachrichtensatire The Frost Report. Ihren heutigen Kultstatus verdankt sie aber weniger dem trockenen Charme Frost’s, als einem nicht unbedeutenden Teil seines Autoren- und Schauspielteams. Hier arbeiteten zum ersten Mal fast alle Mitglieder der Monty Pythons zusammen, ausgenommen Terry Gilliam der damals noch in Amerika lebte. Und es war auch das erste Mal das man die Legenden Ronnie Barker und Ronnie Corbett (aka The Two Ronnies) im Fernsehen bewundern konnte.

Chefautoren der Sendung waren Graham Chapman, John Law (Screenwriter des originalen Casino Royal) und Marty Feldman (At Last the 1948 Show, Young Frankenstein). Weitere nennenswerte Mitglieder des Autorenteams waren Bill Oddie und Tim Brooke-Taylor, die später mit Graeme Garden die 1970er Kultgruppe The Goodies bildeten. Sowie Barry Cryer der in den kommenden Jahren noch für etliche Comedians schrieb, darunter Spike Milligan (siehe British Sunday # 4) und Kenny Everett (British Sunday # 2).

Zu den Highlights des Frost Report zählt der von Cleese und den beiden Ronnies aufgeführte „Class Sketch“ (siehe oben), der heute zu den Klassikern der Britischen Comedy zählt. The Frost Report selbst fiel wie viele Programme vor 1970 den Sparmaßnahmen der BBC zum Opfer, die Bänder alter Sendungen einfach überspielte. Nur wenige Kopien haben überlebt, darunter die Pilotfolge vom 10. März 1966…

British Sunday # 4: The Goon Show

The Goons: Spike Milligan, Harry Secombe, Peter Sellers.

Anfang der 1950er gründeten die Comedians und Autoren Spike Milligan, Harry SecombePeter Sellers und Michael Bentine (dabei bis 1953) die Gruppe The Goons, deren schräge Hörspielreihe The Goon Show von 1951 bis 1960 auf dem BBC Home Service ausgestrahlt wurde.

Sie war für ihre Zeit höchst innovativ und von erfrischender Skurrilität, brachte einen bis dahin nie gekannten surrealen Humor ins Radio, forderte die Hörgewohnheiten und die Vorstellungskraft der Zuhörer jedes Mal auf’s Neue heraus. So spielten zahlreiche Geschichten erstmals nicht im Hier und Jetzt, sondern in fernen Ländern wie Indien, Nordafrika, Südamerika oder dem Wilden Westen. Untermalt wurde das Ganze mit zum Teil sehr bizarr arrangierten Soundeffekten, die später sogar der Musique Concrete entlehnt waren, nicht zuletzt dank des berühmten BBC Radiophonic Workshop.

Die hervorragenden Skripts, von den Sprechern eigens verfasst, ließen stets Platz für Improvisationen bei denen selbst Pannen und Aussetzer ins Spiel integriert wurden. Was ihnen gerade am Anfang die Kritik einbrachte unprofessionell, wenn nicht gar eine Schande für die BBC zu sein. Insgesamt sorgte die Sendung für einige Kontroversen, besonders was die Darstellung sinnloser Gewalt betraf, das schamlose durch den Kakao ziehen von Personen des öffentlichen Lebens oder ihre scheinbar respektlose Auseinandersetzung mit den Kriegsjahren. Doch der Erfolg gab ihnen Recht und so erweiterte The Goon Show gemeinsam mit ähnlich innovativen Programmen wie Beyond the Fringe (siehe British Sunday # 1) oder Hancock’s Half Hour den damals geltenden Begriff von Comedy in Funk und Fernsehen.

The Goon Show fand über die Jahre zahlreiche Ableger in Form von Filmen, TV-Revivals, Büchern und Musikaufnahmen. Sie inspirierte unzählige spätere Programme wie Milligan’s Q-Serie, den Monty Python’s Flying Circus, die Bücher von Douglas Adams und sogar die Beatles.

Hier zu sehen ist nun eine TV-Umsetzung des The Goon Show-Klassikers The Tale of Men’s Shirt mit Gastmoderator John Cleese, aufgezeichnet am 8. August 1968.

British Sunday # 3: The Young Ones

1979 nahm die Alternative Comedy ihren Anfang. Eine kritische, provokative und manchmal etwas prachiale Gegenbewegung zur damaligen Mainstream Comedy die vornehmlich von Cambridge und Oxford-Absolventen wie den Monty Pythons dominiert wurde. Sie nahm Anleihen am Punk und fand in den finsteren Jahren der Thatcher-Ära immer neuen Zündstoff.

Zu den ersten TV-Sendungen der neuen Bewegung zählte die Sitcom The Young Ones (BBC, 1982 – 84) über eine vierköpfige Studenten-WG in einem baufälligen alten Haus in North London. Bestehend aus dem hitzköpfigen Möchtegern-Anarchisten Rick (Rik Mayall), dem psychopathischen Punk Vyvyan (Adrian Edmondson), dem immermüden Hippie Neil (Nigel Planer) und Mike (Christopher Ryan) dem stereotypen „Cool Guy“ einer jeden Sitcom der 80er und 90er Jahre. Alexei Sayle, Miterfinder und fixe Größe der Alternative Comedy, trat in jeder Folge in einer anderen Rolle auf. Unter anderem als dubioser Polizeichef der eine verblüffende Ähnlichkeit mit Benito Mussolini aufweist. Darüber hinaus war auch immer eine Band zu Gast, wie Madness, The Damned oder Motörhead mit einem ihrer ersten Fernsehauftritte. Weitere Gäste waren unter anderem Stephen Fry, Hugh Laurie, Mel Smith, Terry Jones und Emma Thompson. Co-Autoren waren Mayall’s damalige Lebensgefährtin Lise Mayer und Ben Elton, der später weitere TV-Projekte auf den Weg brachte.

The Young Ones lief in zwei Staffeln zu insgesamt 12 Folgen und nimmt in der Liste der besten britischen Sitcoms den 31. Platz ein.

British Sunday # 2: Kenny Everett

Maurice James Christopher Cole wurde am 25. Dezember 1944 in Seaforth, Lancashire geboren. Seine Karriere als Comedian und DJ begann 1964 beim Piratensender Radio London, wo er den Namen Kenny Everett annahm um einer Verfolgung durch die Behörden zu entgehen. 1966 befreundete er sich mit den Beatles, begleitete sie auf ihrer letzten US-Tour und produzierte in weiterer Folge zwei ihrer für Fanclubs vorbehaltenen Christmas Records.

Sein derber Humor brachte ihn stets in Schwierigkeiten und zwang ihn mehrmals den Sender wechseln zu müssen. Gleichzeitig erfreute er sich großer Beliebtheit bei den Zuhörern und bewies stets ein gutes Händchen für die „Stars“. Zu seinen Arbeitgebern gehörten neben etlichen Lokalsendern die englischen Dienste von Radio Luxembourg und Radio Monte Carlo, Radio 1 (der auf den Erfolg der Piratensender aufbauende Jugendsender der BBC) und das legendäre Londoner Capital Radio.

1975 bat ihn die Gruppe Queen um Rat, deren Plattenfirma befürchtete, ihre neue Single würde wegen ihrer Überlänge kein Airplay erhalten. Everett selbst war so begeistert von der Platte, dass er sie ganze 14 Mal innerhalb eines Wochenendes spielte und auch Kollegen darauf aufmerksam machte. Mit vollem Erfolg: Noch heute gilt Bohemian Rhapsody als eines der besten Musikstücke aller Zeiten.

Zwischenzeitlich gelang es ihm auch Fuß im britischen Fernsehen zu fassen. 1978 nahm er auf ITV die Produktion seiner Sendung The Kenny Everett Video Show (später: The Kenny Everett Video Cassette) auf, die 1981 von der The Kenny Everett Television Show abgelöst und noch bis 1988 mit großem Erfolg auf der BBC ausgestrahlt wurde. Die Shows zeichneten sich neben ihrer zum Markenzeichen gewordenen cartoonesken Komik und ihren zahlreichen prominenten Gästen, vor allem durch ihren kreativen Umgang mit der damals modernen Videotechnik aus.

Kenny Everett starb 1995 an den Folgen einer AIDS-Erkrankung.